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Intervention im öffentlichen Raum, Festival der Regionen 2009, Auwiesen/A






















„Social space is produced and structured by conflicts. With this recognition, a democratic spatial politics begins.“1

Kommt man heute nach Auwiesen ist man zunächst beeindruckt vom schieren Ausmass der mit 2.621 Wohnungen für etwa 10.000 BewohnerInnen bisher größten geschlossenen und am Reissbrett geplanten Wohnanlage Oberösterreichs. Sozusagen als einer der ersten Feldversuche der seit Mitte der 70er Jahre wissenschaftlich wie kulturpolitisch unbestrittenen Erkenntnis, daß für das kulturelle Leben einer Stadt neben den zentralen Kulturangeboten besonders die dezentralen Voraussetzungen und Aktivitäten in den einzelnen Stadtteilen von grosser Bedeutung sind, entstand die Satellitenstadt in mehreren Bauetappen zwischen 1979 bis 1994. Wie ist dieses Vorhaben einer lebendigen und vielfältigen Stadtteilkultur aus heutiger Sicht zu beurteilen? Was ist von der Utopie einer hetrogenen soziokulturellen und kommunikativen Infrastruktur geblieben? Funktioniert die Nachbarschaft? Oder überwiegen soziale Probleme? In der Arbeit Dekodierung der Wirklichkeit wird diesen Fragen nachgegangen und das Verhandeln von möglichen Modellen des Zusammenlebens erprobt.

Die Raumtheorien Henri Lefebvres, die Öffentlichkeitstheorien Chantal Mouffes und Ernesto Laclaus sowie das Public-Art-Konzept Rosalyn Deutsches bilden den Ausgangspunkt für die Intervention am Kreiskyplatz in Auwiesen. Das seit den 70er Jahren im Rahmen des allgemeinen Aufstiegs sozialwissenschaftlicher, insbesondere marxistischer Ansätze sich manifestierende Verständnis von Raum als sozialer Konstruktion wurde in den 80er Jahren invertiert. Man gelangte zu der Auffassung, dass umgekehrt auch das soziale räumlich konstruiert sei, woraus sich eine Konstellation von Raum und Gesellschaft als Pole in einem Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit ergibt. Diese räumliche Form des sozialen hat kausle Effekte insofern, als sie gesellschaftliche Bedingungen und Funktionsweisen definiert. Der Raum ist also gesellschaftlicher Akteur.2

In Auwiesen lassen sich diese Konstruktionsprozesse deutlich ablesen. Die uniforme Architektur gepaart mit Enge und dem völlig ausser Acht gelassenen Bedürfnis, Öffentlichkeit artikulieren zu können, haben einen Kampf um Bedeutung im Sinne etwa von „politics of signification“ (Stuart Hall) gar nicht erst entstehen lassen. Insbesondere der Kreiskyplatz macht dies anschaulich: der anfangs in der Mitte des Platzes angesiedelte Brunnen wurde nach kurzer Zeit auf Betreiben der Anwohner, die sich durch die Wassergeräusche und der stetigen Verschmutzung des Beckens belästigt fühlten, in ein mittelmässig gepflegtes Beet umgewandelt, dass sich hauptsächlich einer regen Benutzung als Abkürzung bei der Querung des Platzes erfreut. Ohne die einem Brunnen und Wasser aus urbanistischer Sicht anhänglichen Konnotationen näher betrachten zu müssen lässt sich unschwer erkennen, dass hier der eben erwähnte Kampf einer „Fixierung von Bedeutung in solide Topografien“3 gewichen ist. Das Anliegen der vorliegenden Arbeit besteht darin, diesen konfliktlosen Zustand herauszufordern und einen „Raum offen politischer Agonalität“4 zu ermöglichen.

Die Installation besetzt mit der Mitte des Platzes die empfindlichste Stelle desselben. Diese phsische Besetzung erzeugt zunächst eine wichtige Barriere, die bisherige Nutzungsmuster bricht. Konflikte in unmittelbarer Umgebung zum Kreiskyplatz haben oftmals akustische Ursachen. Anwohner fühlen sich durch spielende Kinder belästigt, die als einzige den Platz für sich beanspruchen. Der Klang des Platzes birgt also einiges Konfliktpotenzial und zeigt nicht nur, was auf dem Platz stattfindet sondern vor allem was nicht stattfindet. In einem zweiten Schritt erzeugt die Arbeit einen Bruch auf akustischer Ebene: im Zeitraum von einem Monat vor Ort aufgenommene Soundscapes werden fragmentiert und zu diskontinuierlichen Mustern neu verwebt, wodurch der konkrete Raum, der Platz, seiner zeitlichen Bestimmbarkeit enthoben, und durch diese Öffnung auf akustischer Ebene neu bestimmbar wird. Auffallend ist, dass die meiste Zeit Stille herrscht, was jenes den Platz bestimmende Vakuum der Konfliktlosigkeit erfahrbar macht. Die dritte Komponente der Arbeit besteht aus Texten, die in Gesprächen mit Anwohnern gesammelt wurden: auf Auwiesen und die dortigen Lebensumstände bezogene streitbare Kommentare, Meinungen, Wünsche und dergleichen wurden in Form von Postkarten integriert, um Auwiesen innewohnende kritische Potentiale zu wecken, Möglichkeiten einer neuen urbanen Praxis offenzulegen und das enstandene Vakuum zu füllen.
(kmr)

Quellen
1 Deutsche, Rosalyn: Evictions. Art and Spatial Politics. Cambridge, Mass.-London: MIT Press 1996, S. xxiv
2 Massey, Doreen: Politics and Space/Time, in New Left Review Nr. 196 (Nov./Dez. 1992).
3 Marchart, Oliver: Kunst, Raum und Öffentlichkeit(en). Einige grundsätzliche Anmerkungen zum schwierigen Verhältnis von Public Art, Urbanismus und politischer Theorie, http://eipcp.net/transversal/0102/marchart/de
4 ebd.