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interaktive Soundinstallation, LeonArt'07, Leonding/A, 2007
















„Wenn es in diesem Jahrhundert so etwas wie eine zentrale intellektuelle Faszination gibt, dann liegt sie wahrscheinlich in der Entdeckung des Beobachters.[...] Das Faszinosum wie auch das Skandalon der Entdeckung des Beobachters liegt in dem Umstand, dass man Blindheit und Einsicht aller kognitiven Prozesse zusammen als die eine Seite einer Medaille erkennen muss, deren andere Seite wir nicht kennen. Zwischen Blindheit und Einsicht können wir hin und her wechseln. Für die Beobachtung erster Ordnung, die Beobachtung von Sachverhalten, genügt das allemal. Erst auf der Ebene der Beobachtungen zweiter Ordnung, der Beobachtung von Beobachtungen, fällt auf, dass Sachverhalte immer nur Sachverhalte für einen Beobachter sind und dass der Beobachter nicht sieht, was er nicht sieht. Aufklärung, Ideologiekritik, Hermeneutik und Psychoanalyse machen sich dies zunutze. Aber das Problem liegt tiefer. Das Problem liegt darin, wie Heinz von Foerster bündig formuliert, dass der Beobachter nicht sieht, dass er nicht sieht, was er nicht sieht.“1

Kurzbeschreibung
In einem Befestigungsturm der am Anfang des 19. errichteten Maximilianischen Turmlinie befindet sich ein 16-Kanal-System, das Besucher vom den Turm umgebenden Wall aus mit Klangmaterial bespielen können, welches einem Klangsyntheseverfahren zugeführt wird, das über Parameter wie Amplitude, Frequenz und Signaldauer des Ausgangsmaterial definiert wird.

Konzept
Zur Illustration seines Denkmodells der Kybernetik zweiter Ordnung griff der Physiker Heinz von Foerster auf Alan Turings Idee der konzeptuellen „Maschine“ zurück. Unter einer „Maschine“ ist hier eine bestimmte Anordnung von Regeln zu verstehen, nach denen ein Zustand in einen anderen transformiert wird. Foerster unterscheidet triviale und nicht-triviale Maschinen: Die erste arbeitet nach einer festgelegten Regel, die unabänderlich einen Zustand in den nächsten überführt; die zweite hat zusätzlich zu der ersten eine weitere rekursive Regel, die wiederum die erste ständig ändert, sozusagen eine Maschine in der Maschine.2

Triviale Maschinen sind nicht nur durch ihre Synthese bestimmt, sondern ebenso durch Analyse bestimmbar, da sich ihre Operationsregeln nicht ändern. Ihre Ergebnisse sind somit vorhersagbar. Dieses Prinzip ist eine der zentralen Stützen westlichen Denkens. So geht der Determinismus davon aus, dass jedes Ereignis auf allen materiellen Ebenen fest vorbestimmt ist. Das menschliche Gehirn müsste sich demnach ebenfalls deterministisch verhalten, was bedeuten würde, dass es keinen absolut freien Willen gibt: jeder unserer Gedanken war vor dem Augenblick seiner Enstehung bereits festgelegt, da sich das gesamte Universum als Kausalkette entwickelt. Wille und Bewusstsein wären ein Konstrukt: Der „Laplacesche Dämon“ kann unter der Kenntnis sämtlicher Naturgesetze und aller Initialbedingungen jeden vergangenen und jeden zukünftigen Zustand zu berechnen.

Im Vergleich zur analytischen Ermittlung der Transformationsregeln einer nicht-trivialen Maschine hingegen erscheint das Finden der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen als ein Kinderspiel. Bei einem Programm mit lediglich 4 Regeln und 4 möglichen Zuständen liegt die Identifikation bei einer Anzahl der Möglichkeiten mit 616 Nullen bereits jenseits aller Errechenbarkeit.3 Nicht-triviale Maschinen können durch Synthese bestimmt werden, sind aber „analytisch unbestimmbar, historisch bedingt und nicht voraussagbar“.4 Entsprechend gibt es dem Indeterminismus zufolge Ereignisse, die in keiner Weise als bedingt und vermittelt erkennbar sind. So besagt etwa die heisenbergsche Unschärferelation in der Quantenmechanik, dass jeweils zwei Messgrößen eines Teilchens nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmt sind. Sie ist nicht die Folge von Unzulänglichkeiten eines entsprechenden Messvorgangs, sondern prinzipieller Unmöglichkeit.

„Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“5

Vor die Frage gestellt, würde sich wohl jeder als nicht-triviale „Maschine“ betrachten. Wie geht man aber nun mit „Systemen“ um, die prinzipiell unbestimmbar sind? Wie sind Fragen zu beantworten, die prinzipiell unentscheidbar sind? Zwar sind „alle Maschinen, die wir konstruieren oder kaufen,[…] hoffentlich triviale Maschinen. Ein Toaster sollte toasten, eine Waschmaschine waschen, ein Auto sollte in vorhersagbarer Weise auf die Handlungen seines Fahrers reagieren. Und in der Tat zielen alle unsere Bemühungen nur darauf, triviale Maschinen zu erzeugen oder dann, wenn wir auf nicht-triviale Maschinen treffen, diese in triviale Maschinen zu verwandeln.“6, jedoch sind wir nicht nur Beobachter von Geschehnissen, wir sind Beteiligte, unsere Erkenntnis-Objekte sind wir selbst. Wir befinden uns in einer zirkulären Kausalität eben weil eine Beobachtung ohne Einbeziehung des Beobachters unmöglich scheint und wären darin eigentlich autonome Subjekte.

Subjektivität scheint sich heute jedoch vorwiegend innerhalb des Vermarktungsmechanismus der Arbeitskraft herauszubilden, da sich trotz fragmentierter Lebens- und Konsumstile die kapitalistische Wirtschaftsform als das alle Differenzen überlagernde Paradigma herauskristallisiert. Die Prinzipien des Kapitalismus sind kulturell so tief verinnerlicht, dass wir Alternativen schon nur noch innerhalb derselben suchen. Wir glauben, uns in einem System entscheidbarer Fragen zu befinden, in dem die Vorstellung einer objektiven Wahrheit ihre Berechtigung hat, da die Antworten hier von vermeintlichen Notwendigkeiten diktiert werden. Objektivität wird jedoch nur zu gerne „von denjenigen als Notausgang benutzt, die ihre Freiheit der Wahl verschleiern möchten, um sich dadurch der Verantwortung ihrer Entscheidung zu entziehen.“7

Die Arbeit KOPROPHAGOTH (48˚17'56" N, 14˚14'37" O) verlangt dem Betrachter ebendiese Verantwortung ab, indem sie Antworten auf Fragen fordert, die in keinerlei erkennbarem Rahmen verortbar sind, ja die der Betrachter sich selbst erst stellen muss. Er wird gewissermassen auf sich selbst zurückgeworfen: Klänge und Geräusche, die er in das System einspeist werden von diesem mittels verschiedener synthetischer Verfahren bearbeitet und wieder „zurückgeschossen“. Zuweilen scheint ein Muster in der Verarbeitung erkennbar, das sich aber sogleich wieder verflüchtigt. Der Betrachter wird mit dem Faktor des Unwissbaren und der Unbestimmbarkeit konfrontiert, indem sich die Arbeit einer „Trivialisierung“ sowohl auf inhaltlicher als auch auf rein rezeptorischer Ebene verweigert. Somit stellt sie als nicht-triviale Maschine die nicht-triviale „Maschine“ Mensch vor die Wahl der Wahl.

Quellen
1 4.11.2007: http://beat.doebe.li/bibliothek/b00006.html
2 Foerster, Heinz v.: KybernEthik, Merve Verlag, Berlin 1993, S. 135
3 Foerster,1993, S. 143
4 Foerster,1993, S. 143
5 Foerster,1993, S. 153
6 Foerster, Heinz v., Wissen und Gewissen im Text, Suhrkamp, Ffm 1993
7 Foerster, 1993, S. 157